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Leoville Barton Vertikale Blinddegustation

Leoville Barton im kleinen Kreis

Letzten Freitag trafen sich drei Weinverrückte in Zürich  um mehrere Jahrgänge des umstrittenen Weingutes Leoville Barton aus der Appellation Saint-Julien zu verkosten.

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Die Appellation Saint-Julien grenzt im Norden an das prestigereiche Pauillac und ist bekannt für ihre finessenreichen Rotweine. Einer der Leader dieser Appellation ist das Weingut Leoville Barton. Dieser Wein wird von vielen Kritikern als Premier Cru zum Schnäppchenpreis bezeichnet. Nun, um das Ganze zu relativieren – in Bordeaux meint man mit Schnäppchen etwas anderes – kostet der Leoville Barton doch meist um die 60 bis 120 CHF im Handel. Würde die attestierte Qualität zutreffen, wäre der Leoville Barton dann für Premier Cru–Verhältnisse ein absolutes Schnäppchen. Im Zuge der Subskription 08 äusserten sich aber mehrere Weinliebhaber und Weinfreaks im deutschsprachigen Weinforum talk-about-wine kritisch zu diesem Gut und schliesslich kam es zu einem heftigen Wortgefecht zwischen mir und einem sehr erfahrenen Weinliebhaber aus Deutschland. Also war diese kleine Vertikale nicht nur dem Genuss verschrieben, sondern auch eine persönliche Mission mit dem Fazit: er hatte leider Recht!
Ich kenne den Leoville Barton aus mehreren Jahrgängen, doch hatte ich nie die Chance sieben Jahrgänge nebeneinander zu trinken.
Folgende Jahrgänge wurden blind verkostet:

1993: Rote Beeren und Kräuter. Mittlere Komplexität dafür aber in schönster Reife und ein unkomplizierter Genuss. Für das eher schwache Jahr eine kleine Sensation. Auf meiner persönlichen Punkteskala stolze 89 Punkte. Für mich in Anbetracht der Jahrgangserwartungen ein Premier Cru.

1996
: Dunkle und rote Beeren mit einer anfänglich sehr komplexen Nase. Feine rauchige Aromen vermischten sich mit kleinen Teernuancen. Im Gaumen seidig mit Rückhalt, Struktur und einem langem, leicht herben Finish. Die Duftintensität nahm im Laufe des Abends leicht ab und verwies auf einer langen Zukunft. Momentan 91 Punkte mit Potential nach oben! Definitiv Grand Cru, doch sicher nie auf Premier Niveau.

1997
: Krautige und eher grüne Nase (Paprika, grüner Pfeffer) mit einem Hauch rotbeeriger Frucht. Ein rustikaler Wein mit ebenso rustikalem und herbem Abgang ohne jegliche Erotik, dafür aber mit Charakter.
1999: Verhaltene leicht rauchige Nase. Scheint in einer schwierigen Phase zu sein. Im Gaumen ist er leicht süsslich mit einer cremigen Textur. Aber wieder vermisse ich die Frucht. 89 Punkte. Kann vielleicht zulegen.

2001
: Rote und dunkle Beeren. Gelleartige Frucht mit feinen Kräutern und viel Druck! Endlich ein richtig Guter dachte ich. Auch im Gaumen war dieser Wein feiner und schokoladiger. Der Abgang war lang und harmonisch. Premier Cru und für mich 92 Punkte mit viel Potential nach oben. Die Zeit wird zeigen wie viel…

2002
: Pflaumen, Preiselbeeren und Cassis. Wieder schwebte ein schokoladiger Film über die Frucht. Leider war dieser Wein leicht brandig und wirkte irgendwie unfertig. Auch im Abgang machten sich scharfe und grobkörnige Tannine bemerkbar. Mir gefiel er aber sehr gut und ich war mir sicher, dass dies ein Pirat sein müsste. Ich würde behaupten Grand Cru und 91 Punkte. Wird bestimmt anders aber nicht viel besser.

2004
: Gekochte feine Kirschfrucht mit feinen Anklängen von Cassis. Im Gaumen eher opulent und süss im Vergleich. Der Abgang noch schroff aber feiner als beim 2002er. Eigentlich wäre das genau mein Geschmack, würde dieser Wein nicht so harmlos und irgendwie uninteressant wirken. Man merkt es hat sich was am Barton-Geschmack geändert. Wieder Grand Cru und momentan 90 Punkte mit viel Potential nach oben.

Mein Eindruck ist, dass dieser Wein einerseits extrem langlebig und sehr gut strukturiert, andererseits aber auch fruchtarm und irgendwie rustikal ist. Der persönliche Favorit im jetzigen Stadium ist der 2001er, der durchaus grosses Potential hat und auch in der Runde am meisten Zuspruch bekam. Mir persönlich fehlten aber der letzte Kick, der Charme und die Erotik. Das müsste ein inoffizieller Premier doch zeigen können?

Für den meist aufgerufenen Subskriptionspreis ist das ein grossartiger Wein. Doch den üblichen Handelspreis nach der Arrivage ist er nicht wert. Viele Europäer schwören auf den Barton und ich meine – Gott sei Dank – denn dann kaufen sie möglicherweise nicht die Weine, die ich mag. Obwohl er definitiv ein Charakterwein ist, gefallen mir andere Weine aus dem Bordelais besser. Es scheint mir, dass dieser Wein ein beständig hohes Niveau hat und doch bei gewissen Jahrgängen den Erwartungen nicht ganz entspricht. Auch mit seiner Aromatik habe ich so meine Probleme…

Aus Spass tranken wir noch den Langoa Barton aus den Jahrgängen 2002 und 2004 und waren positiv überrascht. Der Langoa wirkte zwar ein bisschen gröber in der Struktur, doch konnte er überzeugen und war insgesamt sehr schön und auch “dunkel” in der Aromatik, was meinem Geschmack besser entspricht. Er war in diesem Stadium fast auf Augenhöhe mit dem Leoville Barton.
Fakt ist, dass diese Probe in drei oder vier Jahren wiederholt werden muss!

Die eigentliche Sensation war aber ein Comte de Peney 1998 von Domaine de Balisiers. Für mich der Sieger dieser Probe! Wenn man auch den Kaufpreis mit einbezieht…

Er zeigte sich wie eine Mischung aus einem Pauillac und einem Pessac. Dunkle, rauchige und leicht dreckige Nase hatte er gehabt und gewann mich vom ersten Moment an. Im Gaumen war er fein und hocharomatisch mit einem langen Abgang. Nun wer hätte gedacht, dass ein Wein aus der Schweiz mich mehr überzeugt als die Bartons? Mit seinen 12 Volumenprozenten hat dieser Wein alle Anwesenden begeistert und den Gastgeber stolz gemacht. Denn es war ein von ihm gewählter Pirat.
An dieser Stelle sage ich 91 Punkte und vielen Dank!
Wer diesen Wein im Keller hat, sollte ihn aber bald austrinken. Lange wird er nicht mehr halten.

Mr. Tinte

4 Antworten
  1. admin
    admin says:

    Hallo Mr. Tinte

    Ein interessanter Einstand bei Weinheiten. Ich habe erst einmal bewusst einen Leoville Barton getrunken. Für mich ist er ein guter Vertreter der ‘alten’ Bordeaux weine, die halt sehr leise daherkommen und von daher eher unspektulär sind und je nach reife Phase auch manchmal etwas hölzern daher kommt. Man erwartet automatisch mehr von einem ‘100 Franken Wein’, was für einen traditionellen Bordeaux halt schwierige wird.

    Well done
    Pascal

    Wikipedia meint dazu:

    Die besten je entstandene Weine bislang sind die aus dem Jahrgängen 1990 und 1996 und vor allem 2000 (96 von 100 möglichen Punkten nach der Bewertung von Robert Parker). Eine Flasche dieser Jahrgänge ist selten unter 120 Euro zu erstehen (Stand 2006).

  2. Mr. Tinte
    Mr. Tinte says:

    Genau so sehe ich das auch. Es mag wohl die richtig grossen Bartons geben.
    Für mich persönlich könnte das der 2006er sein…
    Doch für den Handelspreis kriegt man auch Weine die richtig viel Spass machen. Barton ist eher subtil und im Vergleich anderer Saint-Julien Weine ist er schon eher rustikal. Aber eben, vergessen darf man diesen Wein nicht. Ich habe 2008 etwas subskribiert und vom 2006er habe ich auch ein paar Flaschen im Keller.

    Wenn sich ein grosszügiger Spender finden würde, der die Jahrgänge 2000, 2003 und 2005 einbringt, würde ich gerne diese Probe in fünf Jahren wiederholen:-) Vielleicht gibt es dann einen anderen Ausgang der Vertikale und ich bin ein bekennender Barton-Fan.

  3. Boris
    Boris says:

    Nun haben sie Jahrgänge degustiert, die nicht wirklich gross sind. Habe z.B. Chateau Margaux 1993 im Keller – in diesem Jahr auch kein 1er und gilt es einer der besten dieses Jahrganges! Es gibt viele grund cru classé 05, die besser sind oder besser werden!
    Für mich ist und war Leoville-Barton im letzten Jahrzehnt ein Super-Second. Seit 1855 wird er als Second geführt und gehört dorthin. Natürlich wollte (z.B. Gabriel) ein 1er aus ihm machen, doch der verkauft ihn zufälligerweise auch.
    Preislich fand ich ihn immer interessant (bis 2009) und habe ebenfalls 01, 04 und 08 im Keller. Ich bereue es nicht und bin der Meinung, dass Sie einfach etwas zuviel von diesem Wein verlangten. Versuchen Sie übrgiens mal den anderen Leoville – der wird oftmals zu schlecht bewertet.

  4. Mr. Tinte
    Mr. Tinte says:

    Ja der Poyferre ist sicherlich in guten jahren, der fruchtigere Wein mit mehr Sexappeal…Leider kenne ich zuwenige Jahrgänge davon…
    Es gibt ja noch genügend Zeit dies zu ändern…

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